Erst Mitarbeiter, dann Chef

Die Betriebsübernahme durch leitende Angestellte ist eine attraktive Nachfolgelösung, wenn sie durch Experten begleitet wird.

Für uns war die Entscheidung gar nicht so einfach“, beschreibt Michael Herrmann die Stunde der Wahrheit, die ihm und seinem Kollegen Frank Neumann bei der Firma Illig im sächsischen Stollberg schlug. Herrmann, 1994 aus der Elektronikbranche ins Unternehmen gekommen, hatte sich von der EDV-Fachkraft zum leitenden Angestellten mit der Verantwortung für Kalkulation und Ausschreibungen hochgearbeitet. Neumann war seit 1995 im Unternehmen als Monteur beschäftigt.

Auf die Entscheidung der beiden wartete Firmengründer Bernd Illig. Der Maschinenbau-Ingenieur hatte 1991 zunächst mit dem Vertrieb für Werbeartikel begonnen und sich auf die Herstellung und Montage von Schildern, Leit- und Orientierungssystemen spezialisiert. „Damit brachte er das Unternehmen auf Erfolgskurs“, berichtet Cornelia Meyer, Steuerberaterin bei Ecovis, über ihren langjährigen Mandanten. „Dabei war ihm klar, dass er eines Tages das Unternehmen übergeben muss.“

Illig untersuchte zusammen mit seiner Steuerberaterin alle möglichen Lösungsvarianten. Dazu schaltete Meyer auch Sabine Winter, Mittelstandsberaterin bei Ecovis, ein. Miteinander kamen die drei schließlich zu einer für Übergeber, Nachfolger und Unternehmen systemimmanenten und daher eher sanften Lösung: die Übernahme durch Mitarbeiter oder leitende Angestellte. Dieses Management-Buy-out (MBO) wird im Mittelstand zunehmend praktiziert und eignet sich für jedes Unternehmen jeder Rechtsform. Bezeichnend dafür sind spezifische Finanzierungsmodelle zur Realisierung der Übergabe. So kommen vielfach öffentliche Förderprogramme, Bankenfinanzierung und Verkäuferdarlehen zum Einsatz.

Gütezeichen für Umsicht und Zukunftsorientierung
„Die Übernahme durch leitende Angestellte lässt sich als Gütezeichen für das Unternehmen und die Umsicht des Unternehmers ansehen“, unterstreicht Sabine Winter. „Denn die Bereitschaft der Mitarbeiter drückt Zukunftsorientierung und Risikobereitschaft aus. Zudem kann durch eine solche Lösung die Selbstständigkeit des Unternehmens gesichert werden.“

Ende 2010 kam Illig zu dem Schluss, dass ein MBO in seinen Augen die beste Lösung sei. Dann ging es Schritt um Schritt: Zunächst nahm die Steuerberaterin die Unternehmensbewertung vor – eine schwierige Phase, weil gerade bei der Berechnung des Unternehmenswertes die Verhandlungspartner höchst unterschiedliche Interessen haben. Meyer: „Hier ist neutrales, externes Wissen besonders gefragt.“

Als Übernehmer kamen für Illig sowohl Herrmann als auch Neumann infrage, doch die beiden zögerten. „Ein MBO hat tief greifende Auswirkungen, finanziell und persönlich“, wusste Herrmann. „Doch wir sagten uns: Die Firma hat ein sehr gutes Team, das können wir nicht in der Luft hängen lassen.“ Es folgte die Entscheidung, es zu wagen.
Dazu musste das aus einer GbR hervorgegangene Einzelunternehmen in eine GmbH zu „Schilder Illig GmbH Informations- und Beschilderungssysteme“ umgewandelt werden. Anschließend wurde der frühere Geschäftsführer durch die beiden bisherigen Führungskräfte ersetzt und diese zu Geschäftsführenden Gesellschaftern gemacht. Herrmann (52) kümmert sich schwerpunktmäßig um das Kaufmännische, Neumann (38) ist für Bauleitung und Technik zuständig. Die Übernahme erfolgte im Oktober 2011. Um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, war Illig selbst noch bis 2012 beratend tätig.

Förderquellen erschließen
Zur Finanzierung der Übernahme und zur Weiterentwicklung des Unternehmens sind Fördermittel meist die entscheidenden Bausteine. Sabine Winter: „Und wir wissen, wo die Töpfe stehen.“ Als offiziell gelisteter Gründercoach erwirkte Winter bei der zuständigen Handwerkskammer den erforderlichen Nachweis der Förderfähigkeit. Die beiden Übernehmer erhielten nun Unterstützung von der KfW Förderbank, die einzelne Phasen der Beratung bezuschusst, um Gründern den Start zu erleichtern.

Dazu kamen weitere Maßnahmen, darunter die notwendige Bürgschaft – hier durch die Bürgschaftsbank Sachsen – sowie Zuschüsse für Investitionen durch die Sächsische Aufbaubank. Da wie häufig bei Betriebsübergaben sich der bisherige Unternehmer finanziell nicht mehr engagiert hatte, war ein Investitionsstau eingetreten. „Ein Teil unserer Übernahmebegleitung bestand auch darin, für die neuen Inhaber unseren bewährten Notfallkoffer zu packen“, erläutert Winter. Denn falls aus irgendeinem Grund die Geschäftsführer ausfallen, muss der weitere Ablauf der Kernprozesse im Unternehmen gewährleistet sein. Zu den organisatorischen Maßnahmen, etwa der Verteilung von Verantwortlichkeiten unter den verbleibenden Mitarbeitern, kommt auch die finanzielle Vorsorge für den Betrieb, die Unternehmer und ihre Familien, etwa durch Risikolebensversicherungen.

Von Ecovis begleitete Nachfolge prämiert
Schon zwei Jahre nach der Übernahme können Herrmann und Neumann eine sehr gute Bilanz aufweisen: „Letztes Jahr haben wir große Stabilität im Geschäft erreicht. Wir haben jetzt zwölf fest angestellte Mitarbeiter und sind deutschlandweit tätig.“ Das kann auch Cornelia Meyer bestätigen: „Das sehr gute Ergebnis hat die Erwartungen aller Beteiligten übertroffen. Beide Geschäftsführer haben sich erfolgreich in ihre neuen Aufgabenfelder eingearbeitet.“

Der Einsatz lohnte sich für alle Beteiligten. Meyer: „Schilder Illig wurde für die beste unternehmensinterne Nachfolge mit dem Sächsischen Meilenstein 2013 geehrt.“ Mit der Auszeichnung honorieren die Bürgschaftsbank Sachsen und die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Sachsen gelungene Unternehmensnachfolgen von kleinen und mittleren Unternehmen im Freistaat.

Das Erfolgsrezept liegt für Herrmann im Teamgedanken und im vorausschauenden Handeln: „Es war gut, dass wir beide den MBO zusammen gemacht haben. Alleine hätten wir‘s nicht schaffen können. Und wir passen vom Alter zusammen: Wenn ich in vielleicht 15 Jahren in Ruhestand gehe, dann kann Kollege Neumann reibungslos weiterführen.“ Hinter dem Erfolg steht für ihn auch Ecovis: „Man sollte auf jeden Fall in der Anfangszeit und in der meist notwendigen Umstrukturierung eine Beratungsgesellschaft ins Boot holen. Das kann ich jedem empfehlen.“

TIPPS zur Nachfolge
• Beachten, dass keine unkorrigierbaren Fakten geschaffen werden
• Entscheidungen nicht delegieren, sondern selbst treffen
• Ergebnisoffen herangehen
• Planung frühzeitig beginnen
• Umsetzung konsequent und zeitnah durchziehen
• Experten einschalten

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