Negativzinsen: Zwischen Ärger und Verständnis

Lange haben Banken in Deutschland gezögert, die Negativzinsen, die sie für Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zahlen müssen, an Geschäftskunden weiterzugeben. Nun gehen immer mehr Institute zum Ärger der Kunden diesen Schritt.

Das Thema Negativzinsen treibt die Finanzbranche um. Lange Zeit drehten die Banken eher an der Gebührenschraube, weil „Strafzinsen“ für Einlagen sehr negativ besetzt sind: Sie bedeuten eine Zäsur in der knapp 4.000-jährigen Zinsgeschichte. Viele Institute sehen aber inzwischen keine Alternative mehr. „Bis dato sind es vor allem große Banken, die Negativzinsen verlangen“, sagt Ecovis-Unternehmensberater Rainer Priglmeier in Dingolfing. Den Anfang machte aber die kleine Skatbank im sächsischen Altenburg, die zu den Genossenschaftsbanken zählt. Sie verlangt schon seit Ende 2014 von privaten und geschäftlichen Kunden eine „Verwahrgebühr“ für Tagesgeldkonten mit Einlagen von mehr als 500.000 Euro. Mit gewissem zeitlichem Abstand zogen viele Genossenschaftsinstitute nach, zuletzt etwa die Hamburger Volksbank. Das Sparkassenlager folgte mit einer gewissen Verzögerung. Die Sparkasse Allgäu im bayerischen Kempten war eine der ersten. Inzwischen werden es immer mehr: die Sparkassen in Meißen und im Vogtland, die Kreissparkasse Bautzen, die Sparkassen Augsburg und Miltenberg sowie die Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg, um nur einige zu nennen. Größere Sparkassen wie die Sparkassen in Leipzig und Nürnberg, die Ostsächsische Sparkasse Dresden (OSD) oder demnächst die Stadtsparkasse München sind ebenfalls dabei. Deutschlands größte Sparkasse, die Hamburger Sparkasse (Haspa), bereitet einen solchen Schritt vor. Privatbanken wie die Commerzbank sind noch vorsichtiger: Dort werden individuelle Guthabengebühren bei „zu hohen Einlagen“ berechnet. Bei der Unicredit HypoVereinsbank München gibt es solche Pläne nach eigenen Angaben (noch?) nicht.

Die Reaktion der Banken auf die Geldpolitik der EZB

Den meisten Instituten ist es eher unangenehm, Negativzinsen zu erheben. Doch angesichts des Ertragsdrucks wegen der zunehmenden Regulierung und hoher Aufwendungen für die Digitalisierung sowie aufgrund von Minuszinsen, die sie selbst für ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zahlen müssen, haben sie oft keine andere Wahl. Ralf Fleischer, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse München, beziffert die Kosten der Verwahrgebühren, die sein Institut bei der EZB zahlen muss, für 2016 auf zehn Millionen Euro. Schätzungen zufolge haben die deutschen Banken 2016 insgesamt 1,5 Milliarden Euro an die EZB gezahlt. Das entspricht sechs Prozent ihres Vorsteuergewinns. Betroffen von den Negativzinsen sind in erster Linie Geschäftskunden und Kommunen, nur in relativ seltenen Fällen auch vermögende Privatkunden. Manche Institute erheben Negativzinsen schon ab einem Betrag von 100.000 Euro, andere erst ab 1 Million Euro. Manche geben den vollen EZB-Satz für Einlagen in Höhe von derzeit 0,4 Prozent weiter, andere „nur“ 0,2 Prozent. Die meisten Institute lassen bei diesem Thema „mit sich reden“, heißt es etwa bei der Ostsächsischen Sparkasse (Ospa) in Dresden. Die Banken wollen schließlich gerade langjährige Kunden nicht verlieren. Ein Gespräch, bei dem man nicht auf seiner Maximalforderung beharrt, kann manchmal Wunder bewirken. Hilfreich ist sicher auch die eigene Bereitschaft, Giroguthaben oder Tagesgeld etwa in Festgeldanlagen zu wandeln. Bernd Reh, Pressesprecher Corporate Banking Deutschland der Commerzbank, unterstreicht, dass man versucht, „in Gesprächen mit den Kunden gemeinsam alternative Anlagekonzepte“ zu entwickeln. Die Banken wollen ihre Kunden dazu veranlassen, ihr Geld anders anzulegen – zum Wohl der Bank, aber auch zum Wohl des Kunden. Ziel solcher Gespräche sei es immer, „Negativzinsen durch die Umschichtung von Sichteinlagen in kurz laufende Wertpapiere zu vermeiden“, sagt etwa Bernhard Uppenkamp, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse Oberhausen im Ruhrgebiet. Die Raiffeisenbank in Gmund am Tegernsee stellt Umschichtungen in längerfristige Spareinlagen oder Wertpapiere fest, seit sie Verwahrgebühren auf Tagesgeld erhebt. Klar ist aber auch: Dadurch lassen sich zwar unter Umständen Negativzinsen vermeiden. Andererseits aber hat das auch Nachteile: Denn anders als etwa bei Girokonten sind solche Gelder nicht täglich verfügbar. „Wenn die Debatte über die Verwahrgebühr etwas Gutes hat, dann ist es vielleicht die Tatsache, dass sie dazu veranlasst, sich einmal grundsätzlich Gedanken zu machen. Oft hilft eine Maßnahme allein nicht“, meint Peter-Jürgen Hickmann, Wirtschaftsprüfer bei Ecovis in München. Er gibt auch noch weitere Tipps: Dazu gehört etwa die Verteilung von Tagesgeldguthaben auf mehrere Banken. Damit bleibt wenigstens ein Teil des Guthabens unter den Freibetragsgrenzen. Auch die raschere Zahlung von Eingangsrechnungen ist zu empfehlen. Es ist schließlich wenig sinnvoll, Zahlungen zu verzögern, wenn das Guthaben bei der Bank wegen Negativzinsen schrumpft. Sofern die mittel- und langfristige Finanzplanung es zulässt, ist auch zu überlegen, Schulden vorzeitig zu tilgen. „Im Unternehmensverbund könnte durch sinnvolle Tilgungen ebenfalls Liquidität umverteilt werden“, gibt Hickmann zu bedenken. Er empfiehlt zudem, darüber nachzudenken, Steuervorauszahlungen zunächst hochsetzen zu lassen. „Es ist schließlich besser, für das Geld beim Finanzamt keine Zinsen zu zahlen, als eine Verwahrgebühr bei der Bank.“ Auch denkbar ist ein Cash Pooling im Ausland. In einigen Ländern sind sogar Guthabenzinsen zu erzielen, etwa in Italien. Pessimisten werden einwenden, der Verbleib Italiens in der Eurozone sei unsicher. Generell sind im Ausland Kapitalverkehrsrisiken, Bürokratiekosten und eventuell auch Währungsrisiken zu berücksichtigen. „Gerade bei größeren Einlagen kann es auch günstiger sein, statt Negativzinsen eine Kontoführungsgebühr zu vereinbaren“, weiß Rainer Priglmeier. Ein Wechsel der bisherigen Hausbank ist natürlich immer eine Option. Eine Gebühr schmerzt „psychologisch“ besonders dann, wenn man mit einem Institut schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. Ein Bankwechsel sollte aber erst in einem letzten Schritt erwogen werden. Denn wer garantiert denn, dass die neue Bank nicht auch bald Negativzinsen erhebt.

Rainer Priglmeier, Unternehmensberater bei Ecovis in Dingolfing

Peter-Jürgen Hickmann, Wirtschaftsprüfer bei Ecovis in München

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