MVZ-Gründung: Neue Chancen für Praxisnachfolge und medizinische Versorgung
Die medizinische Versorgung steht besonders im ländlichen Raum unter Druck. Der demografische Wandel, Ärztemangel und fehlende Praxisnachfolger führen dazu, dass immer mehr etablierte Arztpraxen vor einer ungewissen Zukunft stehen. Können MVZ-Gründungen Abhilfe schaffen?
Das Durchschnittsalter von Ärztinnen und Ärzten steigt kontinuierlich an. Besonders kritisch ist die Situation bei Hausärzten: Bereits heute sind mehr als ein Drittel über 60 Jahre alt. Ein erheblicher Nachbesetzungsbedarf ist in den kommenden Jahren abzusehen. Gerade im ländlichen Raum verschärft sich die Situation erheblich. Junge Ärztinnen und Ärzte bevorzugen häufig größere Städte, flexible Arbeitsmodelle und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Die klassische Einzelpraxis verliert damit zunehmend an Attraktivität.
Vor diesem Hintergrund gewinnen für Ärzte neue Versorgungsmodelle an Bedeutung. Eine mögliche Lösung ist dabei die Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ). „Durch moderne Organisationsstrukturen und flexible Beteiligungsmodelle kann ein MVZ die Praxisnachfolge nachhaltig sichern und gleichzeitig die Attraktivität des Standorts erhöhen“, sagt Michael Paulus, Steuerberater und Fachberater für den Heilberufebereich bei Ecovis RTS in Stuttgart.
Die Vorteile eines MVZ als Nachfolgeoption nutzen
Ein MVZ ermöglicht die Bündelung medizinischer Leistungen innerhalb einer strukturierten Gesellschaftsform, häufig als GmbH. Dadurch lassen sich Nachfolgeprozesse frühzeitig planen und schrittweise umsetzen. Die bisherigen Praxisinhaberinnen oder -inhaber können ihre Erfahrung weiterhin einbringen, ohne jedoch die volle operative Verantwortung tragen zu müssen. Ihre Rolle verlagert sich zunehmend auf die Organisation, das Qualitätsmanagement, den Strukturaufbau und das Mentoring jüngerer Kolleginnen und Kollegen. „Dadurch bleibt wertvolles Wissen im Unternehmen erhalten. Zudem ist auch der Übergang in den Ruhestand sanfter – ein nicht zu unterschätzender Aspekt“, sagt Paulus.
Für jüngere Ärzte bietet das MVZ-Modell erhebliche Vorteile: Anstelle der unmittelbaren wirtschaftlichen Gesamtverantwortung einer Einzelpraxis steht zunächst die Tätigkeit als angestellter Arzt im Vordergrund. Flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle und moderne Teamstrukturen schaffen bessere Voraussetzungen für eine ausgewogene Work-Life-Balance. Gleichzeitig profitieren die Patientinnen und Patienten von stabilen Versorgungsstrukturen, geregelten Vertretungen und einer langfristigen Sicherung des Praxisstandorts.
Steuerliche Optimierung beim Ausstieg
Neben organisatorischen Fragen spielt die steuerliche Gestaltung des Praxisverkaufs eine zentrale Rolle. Die Überführung einer Praxis in eine MVZ-GmbH eröffnet verschiedene Möglichkeiten, den Ausstieg der bisherigen Praxisinhaber steuerlich sinnvoll zu strukturieren.
Besondere Bedeutung kommt dabei der Gestaltung des Kaufpreises zu. Neben einem marktgerechten Unternehmenswert sind steuerliche Aspekte frühzeitig zu berücksichtigen. „Unter bestimmten Voraussetzungen lassen sich Freibeträge und Tarifvergünstigungen nutzen, insbesondere bei Aufgabe oder Verkauf einer freiberuflichen Tätigkeit“, erklärt Paulus.
Auch langfristige Ratenmodelle können sinnvoll sein. Interessant ist das Austarieren zwischen Kaufpreiszahlung und der Höhe des Angestelltengehalts. Ergänzend können weitere lohnsteuerrelevante Bausteine in die Gestaltung mit einbezogen werden.
Vorteile für alle Beteiligten
Die MVZ-Struktur schafft eine klassische Win-win-Situation: Ältere Praxisinhaber erhalten die Möglichkeit, schrittweise Verantwortung abzugeben und dennoch weiterhin aktiv mitzuwirken. Gleichzeitig bleibt ihr Erfahrungsschatz für Mitarbeiter, Patienten und Nachfolger erhalten. Jüngere Ärzte profitieren von modernen Arbeitsstrukturen ohne unmittelbares unternehmerisches Risiko. Flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle und die Zusammenarbeit im Team erhöhen die Attraktivität des Arbeitsplatzes deutlich. „Wichtig ist immer, dass Ärztinnen und Ärzte sich frühzeitig Gedanken machen, was ihnen wichtig ist. Nur so lässt sich der Übergang in den Ruhestand erfolgreich gestalten“, sagt Paulus.