Purpose-Unternehmen: Wenn wirtschaftlicher Erfolg und Werte zusammenkommen
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Purpose-Unternehmen: Wenn wirtschaftlicher Erfolg und Werte zusammenkommen

Immer mehr Unternehmer wollen wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Dabei gewinnt das Konzept sogenannter Purpose-Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Hinter dem Ansatz steckt die Idee, Unternehmen dauerhaft bestimmten Werten zu verpflichten und rein gewinnorientierte Übernahmen zu verhindern. Was Purpose-Unternehmen rechtlich, steuerlich und organisatorisch beachten müssen und wie ihre Struktur funktioniert, erklärt Jörg Rosewich, Steuerberater bei Ecovis in München.

Herr Rosewich, was versteht man unter dem Begriff „Purpose-Unternehmen“?

Als Purpose-Unternehmen bezeichnet man Unternehmen, die neben ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ausdrücklich weitere Ziele verfolgen. Diese können zum Beispiel im Bereich Mitarbeiterbeteiligung, soziale Verantwortung, Umwelt- oder Gesellschaftsfragen liegen. Entscheidend ist dabei, dass sich das Unternehmen langfristig zu diesen Zielen verpflichtet. Der wirtschaftliche Erfolg bleibt natürlich auch wichtig. Gleichzeitig wird aber festgelegt, dass bestimmte Werte und Ziele dauerhaft berücksichtigt werden müssen. Diese langfristige Bindung an einen sogenannten Purpose ist ein zentrales Merkmal solcher Unternehmen.

Warum interessieren sich immer mehr Unternehmer und Unternehmerinnen für dieses Modell?

Jeder Unternehmer hat neben wirtschaftlichen Zielen auch persönliche Überzeugungen und Werte – sei es in Bezug auf die Gesellschaft, in der er lebt, oder auf die Umwelt. Wer Verantwortung in einem Unternehmen trägt, kann mit seinen Entscheidungen oft sehr viel bewegen. Da liegt für viele der Gedanke nahe, wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: In modernen Führungskonzepten spielt Beteiligung eine immer größere Rolle. Wenn Mitarbeitende stärker eingebunden sind und Verantwortung übernehmen, kann das auch wirtschaftlich positive Effekte haben. Ich glaube aber, dass der entscheidende Punkt ein anderer ist: Bei Purpose-Unternehmen stehen die Werte nicht einfach neben dem wirtschaftlichen Erfolg. Vielmehr kann die konsequente Orientierung an diesen Werten den wirtschaftlichen Erfolg langfristig stärken.

Wie sieht die typische Struktur eines Purpose-Unternehmens aus?

Eine einheitliche Struktur gibt es nicht. Das zentrale Ziel besteht aber darin, das Unternehmen dauerhaft an seinen Purpose zu binden. Dadurch entsteht ein gewisser Spannungsbogen zwischen klassischen Shareholder-Interessen und den festgelegten Unternehmenszielen. Viele Modelle versuchen deshalb zu verhindern, dass das Unternehmen später von rein gewinnorientierten Investoren übernommen wird. Häufig werden dafür sogenannte Asset-Lock-Strukturen verwendet. Dabei wird die Möglichkeit, Anteile zu verkaufen oder Gewinne auszuschütten, bewusst eingeschränkt. Größere Unternehmen lösen das beispielsweise über eine Stiftung als Gesellschafter. Bei kleineren Unternehmen und Start-ups kommt manchmal auch ein externer Minderheitsgesellschafter mit einem sehr kleinen Anteil – etwa ein Prozent – ins Spiel. Dieser erhält dann ein Vetorecht, wenn Entscheidungen getroffen werden sollen, die dem Purpose widersprechen könnten. Die geplante neue Rechtsform der Gesellschaft mit verbundenem Vermögen unterscheidet sich im Wesentlichen von der GmbH dadurch, dass keine Ausschüttungen möglich sind und der Verkauf zu Anschaffungskosten erfolgt. Auch auf europäischer Ebene gibt es mit dem sogenannten 28. Regime Überlegungen in diese Richtung.

Welche Herausforderungen begegnen Purpose-Unternehmen in der Praxis?

Eine zentrale Herausforderung betrifft die Finanzierung. Klassische Risikokapitalgeber investieren häufig mit der Erwartung, ihre Beteiligung später mit erheblichem Gewinn verkaufen zu können. Wenn die Verkaufbarkeit von Anteilen eingeschränkt ist, passt das nicht immer zu diesem Geschäftsmodell. Dadurch kann es schwieriger werden, Eigenkapital einzuwerben. Purpose-Unternehmen müssen daher teilweise neue Finanzierungswege gehen. Häufig spielen hier hybride Finanzierungsformen eine Rolle, etwa mezzanine Instrumente wie stille Beteiligungen oder partiarische Darlehen.

Gibt es steuerliche Unterschiede zu einer klassischen GmbH?

Grundsätzlich nicht. Auch Purpose-Unternehmen unterliegen im Regelfall der ganz normalen Besteuerung wie andere Kapitalgesellschaften auch. Selbst wenn künftig eine spezielle Rechtsform wie die Gesellschaft mit gebundenem Vermögen eingeführt wird, ist derzeit davon auszugehen, dass sie steuerlich ähnlich behandelt wird, wie eine klassische Kapitalgesellschaft. Ein interessanter Punkt könnte allerdings die Bewertung der Gesellschaftsanteile sein. Hier könnten sich Parallelen zu gemeinnützigen GmbHs ergeben, deren Anteile nur mit dem Nennwert bewertet werden.

Welche steuerlichen Fragen stellen sich bei Gewinnen und Ausschüttungen?

Die Gewinne eines Purpose-Unternehmens sind ganz normal steuerpflichtig. Das ist ein wichtiger Unterschied zu gemeinnützigen Organisationen. Purpose-Unternehmen können grundsätzlich jeden gesellschaftsrechtlich zulässigen Unternehmenszweck verfolgen. Sie genießen aber keine steuerlichen Sondervergünstigungen wie gemeinnützige Einrichtungen. Die Ausschüttung von Gewinnen hängt stark von der jeweiligen Satzung und Gesellschafterstruktur ab. In vielen Fällen sind die Ausschüttungen eingeschränkt oder sogar ausgeschlossen. Wenn sie dennoch stattfinden, etwa an eine Stiftung als Gesellschafter, werden sie steuerlich ganz normal behandelt.

Was passiert steuerlich, wenn ein bestehendes Unternehmen in ein Purpose-Modell umgewandelt wird?

Das hängt stark von der konkreten Gestaltung ab. In vielen Fällen wir vor allem die Satzung der bestehenden GmbH angepasst und die Gesellschafterstruktur verändert. Auf Ebene der Gesellschaft selbst führt das steuerlich häufig gar nicht zu größeren Veränderungen. Die steuerlichen Folgen ergeben sich eher aus der konkreten Struktur, etwa wenn neue Gesellschafter eingebunden oder Beteiligungen übertragen werden.

Welche Rolle spielt das Thema Unternehmensnachfolge in diesem Zusammenhang?

Gerade Nachfolgesituationen sind häufig ein Anlass, über Purpose-Strukturen nachzudenken. Viele Unternehmer haben ihr Unternehmen über Jahrzehnte hinweg aufgebaut und dabei bestimmte Werte entwickelt. Wenn die Nachfolge ins Gespräch kommt, stellt sich oft die Frage, wie diese Werte auch langfristig erhalten bleiben können. Für manche Unternehmer ist es wichtiger, die Identität des Unternehmens zu bewahren, als einen möglichst hohen Verkaufspreis zu erzielen. Purpose-Strukturen können dabei helfen, solche Werte dauerhaft in der Unternehmensstruktur zu verankern – unabhängig davon, ob die Nachfolge innerhalb der Familie oder extern geregelt wird.

Ihr Fazit: Für wen ist ein Purpose-Unternehmen besonders interessant?

Ein Purpose-Unternehmen ist vor allem für Menschen interessant, die Erfolg nicht ausschließlich am Gewinn messen, sondern auch an Werten. Das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Wie Umfragen aus den letzten Jahren zeigen, ist einem Großteil der Generation Z und der Millenials eine Sinnhaftigkeit für ihre Zufriedenheit im Beruf wichtig und sie lehnen zunehmend Jobs oder Arbeitgeber ab, die nicht mit ihren Werten übereinstimmen. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass viele klassische Unternehmen ebenfalls stark werteorientiert geführt werden. Gerade inhabergeführte Mittelstandsunternehmen übernehmen häufig sehr viel Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitenden, Kunden und Gesellschaft – ganz ohne spezielle Rechtsform. Die Diskussion über Purpose-Strukturen entsteht häufig in zwei Situationen: bei Start-ups, die soziale oder ökologische Ziele von Anfang an fest in ihrer Struktur verankern wollen, oder bei etablierten Unternehmen im Generationswechsel, wenn die Frage aufkommt, wie sich die eigenen Werte langfristig sichern lassen.

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